Die Diagnose – Teil 2

…oder auch: „Willkommen beim Start des Untersuchungsmarathons!“

197hsfr nach wie vor Samstag, 19. April 2014 197hsba

Im ersten Zimmer der Stroke Unit angekommen und verkabelt, wurde mich gleich klargemacht, dass ich in den kommenden Tagen noch einige Untersuchungen über mich ergehen lassen müsste. Für Sonntag stand beispielsweise noch eine weitere MRT-Untersuchung an, dieses Mal allerdings mit Kontrastmittel. Kein Thema, Kontrastmittel kannte ich ja schon von 2011 von der Untersuchung. Ich hatte damals keine Verträglichkeitsprobleme, also gingen wir mal davon aus, dass es auch dieses Mal keine Schwierigkeiten geben würde. Außerdem wollte man nach den Osterfeiertagen noch eine Herzuntersuchung machen. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich ja noch nicht, was für eine Untersuchung dabei auf mich zukommen würde…

In der Nacht zum Sonntag platzte, als ich schon schlief, plötzlich der Oberarzt in mein Zimmer und bestand darauf, mich auch noch mal kurz durchzuchecken. Es war zwischen 1 und 2 Uhr morgens, deswegen war ich auch sichtlich irritiert und etwas neben der Spur. Hat aber soweit alles geklappt, wie er es haben wollte. In einem Nebensatz hieß es dann von ihm „Wir müssen Ihnen morgen auch Nervenwasser entnehmen.“. Ich war vermutlich noch nie in meinem Leben so schnell so schlagartig wach wie nach diesem Satz. Ich fragte nur „Heißt das… Große Hohlnadel in den Rücken?“, was zu meinem Leidwesen nur benickt wurde. Yippieh. Mir stand also eine Lumbalpunktion bevor… Und sowas erzählt man mir mitten in der Nacht.

197hsfr (Oster)Sonntag, 20. April 2014 197hsba
Tja, wie angekündigt wurde ich im Laufe des Tages zu einer MRT-Untersuchung runtergerufen. Allerdings fand die erst nach dem Mittagessen statt. Ironischerweise läuft an den Feiertagen wirklich nur das MRT-Gerät und sonst nichts weiter an Untersuchungsmöglichkeiten in der Nervenklinik – aber das nur am Rande. Die Kanüle/Flexüle/Wie auch immer man die Nadel nun nennen will für das Kontrastmittel bekam ich übrigens schon Samstag in den Arm gejagt und die sollte auch vorerst dort bleiben. Das MRT verlief ohne großartige Probleme und dauerte ungefähr 15 Minuten. Ich habe wieder die Zählstrategie angewandt gehabt, wobei ich zwischendurch auch gerne mal auf’s Alphabeth aufsagen auswich, wenn mir die ganzen Zahlen zu doof wurden.

Gegen 14 oder 15 Uhr wurde ich übrigens zu einer weiteren MRT-Untersuchung gerufen. Man wollte meine Halswirbelsäule auch noch einmal scannen. Zum Glück brauchte ich kein neues Kontrastmittel gespritzt bekommen…

Als das auch endlich überstanden war, hatte ich vorerst meine Ruhe. Wie gesagt, vorerst. Zwischendurch bekam ich noch Besuch von Freunden und Familie, was mich sehr aufbaute. Die Diagnose Schlaganfall hatte mittlerweile ein immer größer werdendes Fragezeichen bekommen, welches letzten Endes zu einem Strich wurde, der die Diagnose letzten Endes komplett vom Tisch warf. Was genau es nun eigentlich war, stand allerdings immer noch nicht ganz fest. Dementsprechend hatte ich einen Haufen Fragen, aber keine Antworten.

Nach dem Abendessen kam man dann endlich mal auf die Idee, dass man mir ja eigentlich noch Nervenwasser abzapfen wollte. Ja… Die berüchtigte Lumbalpunktion, die manch einem eventuell aus Arztserien wie Emergency Room, Dr. House oder Grey’s Anatomy bekannt sein könnte, aber nicht zwingend muss. Ich bekam vorher ein mehrseitiges Informationsschreiben zu dieser Untersuchung, welches ich mir durchlesen sollte und unterschreiben musste – man brauchte ja schließlich meine Einwilligung dazu. Da es leider keine wirkliche Alternative gab, musste ich da also nun durch.

Für die, die sich nicht vorstellen können oder einfach nicht wissen, was eine Lumbalpunktion bzw eine Nervenwasserentnahme ist, werde ich das ganze einfach beschreiben. Sollte jemand schwache Nerven haben oder eine zu krasse Fantasie und der Ansicht sein, ich gehe zu sehr ins Detail, möge er oder sie die kommenden zusammenhängenden Absätze bitte überspringen, um sich nicht zu gefährden.

Bei einer Lumbalpunktion1 wird einem, um es platt auszudrücken, eine riesige Hohlnadel (7 bis 11, teils 12 cm Länge) zwischen den vierten und fünften Lendenwirbel (also knapp über dem Gesäß, ca. Becken/Hüfthöhe) eingeführt, um dort das Nervenwasser, auch Liquor genannt, in geringen Mengen zu entnehmen. Der Einstich findet dort statt, wo sich bereits kein Rückenmark mehr befindet, damit dieses nicht irgendwie beeinflusst wird.
Ich kannte diese Sache bereits aus dem Fernsehen und ich kannte sie hauptsächlich im Liegen. Bei mir wurde das ganze Sitzen durchgeführt. Ist anscheinend einfacher für den Arzt an der Nadel. Ich wurde also verkehrt herum auf einen Stuhl gesetzt, sprich mit dem Bauch zur Stuhllehne, so, dass der Rücken frei für den Arzt war. Der tastete meine Wirbelsäule ab, um die jeweiligen Wirbel und Fortsätze genauer zu lokalisieren. Er war dabei nicht gerade sanft mit ihr und drückte sehr hart auf meine Knochen. Er ging davon aus, weil ich so starkes Übergewicht habe, müsste da ja eine dicke Fettschicht über der Winbrelsäule sein. Tja, dem ist allerdings nicht so. Nicht jeder dicke Mensch hat auch viel Speck über den Knochen. Schon gar nicht am Rücken. Wie dem auch sei… Er fand es etwas hinderlich, dass ich an den Seiten kitzlig bin. Tja, das fand ich ehrlich gesagt auch, aber ich kann es nicht ändern. Die Schwester hat nebenbei einige Fragen in den Raum geworfen, um mich abzulenken, damit ich nicht so aufgeregt bin. Es war ein netter Versuch, das muss ich ihr lassen.
Nachdem alles gefunden war, was gefunden werden musste, sollte ich meinen Kopf auf die Stuhllehne drücken und einen Katzenbuckel machen – nach Möglichkeit bitte auch da unten, wo mir gerade das Desinfektionsmittel draufgeschmiert wurde. Es fühlte sich kalt an, war aber nicht unangenehm. Wirklich unangenehm wurde es erst, als er die Nadel durch meine Haut bohrte. Es tat weh. Es tat mehr weh, als ein normaler Spritzeneinstich. Ich spürte, wie die Nadel sich bis zu meinen Wirbelkanälen vorarbeitete. Es fühlte sich einfach nur schmerzhaft und widerlich an. Dummerweise hatte er die Nadel nicht ganz unter Kontrolle und hatte wohl irgendeinen meiner Nerven angestubst, weshalb ich ein merkwürdiges, fließendes aber auch gleichzeitig kribbelndes Gefühl in meinem gesamten linken Bein spürte. Ich sagte es ihm, er verstands nicht ganz. Meine Aufregung stieg. Mir wurde übel. Meine Atmung wurde hastiger, ich begann höllisch zu schwitzen. Ich hatte Angst, richtig Angst, dass irgendetwas schiefgehen und ich am Ende gelähmt sein würde dank der Sache – vollkommen Banane diese Gedanken, aber ich hatte sie wirklich.
Er verrückte die Nadel etwas. Daraufhin war mir erst recht richtig speiübel. Mein ganzer Körper fing an zu Kribbeln und vermutlich auch zu zittern. Die Schwester wollte gerade noch eine Schüssel holen, als es auch schon zu spät war und ich mein Abendbrot mal eben über den Stuhl und den Boden verteilte. Und das gleich zwei ganze Male. Die ganze Sache musste sofort abgebrochen werden. Ich war nassgeschwitzter als in jedem Hochsommer, meine Nerven spielten komplett verrückt, ich zitterte wie Espenlaub und in meinem Kopf drehte sich alles. Ich war einfach fertig mit den Nerven.
Man zog die Nadel raus, pappte mir ein dickes Pflaster auf die Stelle und gab mir was neues zum Anziehen und beseitigte die Schweinerei auf dem Boden. Man wollte es beim nächsten Mal mit Beruhigungstabletten vorher versuchen, da ich vermutlich einfach zu aufgeregt für diesen Eingriff war. Man hätte mir das angeblich gern erspart, aber es führte eben leider kein Weg drumherum.

Ungefähr ein bis zwei Stunden nach der Sache mit der missglückten Punktion wurde ich von den Langzeitgeräten abgenommen, da man den Raum für einen Notfallpatienten dringend brauchte – und ich war eben entbährlich, da ich keinen Schlaganfall hatte. Ich wurde in ein normales Zimmer verlegt zu meiner vorherigen Zimmernachbarin, was mich freute, da diese wirklich mehr als in Ordnung und gesellschaftstauglich für mich war. Sie heiterte mich ab und an gerne mal auf, wenn es mir wirklich schlecht ging. Dafür bin ich ihr auch sehr dankbar.

197hsfr (Oster)Montag, 21. April 2014 197hsba
In der Nacht hatte man mir einen Tropf gegeben mit einer kleinen, antiviral wirkenden Flüssigkeit, deren Namen ich leider vergessen habe. Das Ding war ziemlich schnell durch und ich habe es kaum mitbekommen, während ich geschlafen habe.

Nach dem Aufstehen kam ein anderer Arzt zu mir ins Zimmer, den ich bereits von dem nächtlichen Besuch von Samstag zu Sonntag kannte. Der führte wenige Minuten später die zweite Lumbalpunktion bei mir durch. Ich war alles andere als begeistert, ließ ihn aber machen. Dieses Mal wusste ich, was kommen würde und war etwas ruhiger. Eine Beruhigungtablette bekam ich übrigens nicht, ich habe allerdings auch nicht danach gefragt gehabt. Vermutlich war ich noch zu schlaftrunken, wer weiß.
Das ganze lief dieses Mal um einiges glatter ab, als am Abend davor. Er nahm auch eine viel kleinere Nadel als der Kollege vom Vortag. Sein Suchen war auch nicht so brachial und grob. Er ließ sich Zeit und ging mit gutem Fingerspitzengefühl an die Sache. Er hörte auch auf meine Einwürfe, als ich sagte, dass ich ein Fließen im Bein spüre. Er sagte mir auch immer wieder, dass ich es bald überstanden habe, er müsste nur noch ein bisschen pieksen. Die Schwester drückte meinen Kopf leicht runter, damit dieser an Ort und Stelle bleib. Die Haltung war sehr unbequem, aber erträglich.
Erfolgreich zapfte man mir vier bis fünf kleine Dosen Nervenwasser ab, flickte die Stelle mit einer Kompresse und Pflasterband und half mir zurück in mein Bett, wo ich erst einmal ein bis zwei Stunden flach auf dem Rücken liegen bleiben musste.

Man fragte mich, ob ich wüsste, wie Nervenwasser aussähe. Man zeigte es mir und erklärte, dass es normalerweise eben so klar wie Wasser sei. Mein Nervenwasser war allerdings etwas getrübt und rötlich. Man war sich nicht sicher, ob die Trübung vom Vortag und der verpatzten Punktion stammte oder auf eine Entzündung hindeutete. Dafür musste es ja erst untersucht werden. Man wünschte mir noch alles Gute und ließ mich soweit für den Tag erst einmal in Ruhe – wenn man von einem weiteren Tropf mit verschiedenen Infusionen mal absah. Das eine war wieder antiviral, das andere antibakteriell.

Man eröffnete mir, dass das mit den Infusionen wohl oder übel vorerst die nächsten Tage so weitergehen würde. Juchhee, die Freude war ganz meinerseits…

Eine klare Antwort auf die Frage „Was habe ich denn nun eigentlich?“ gab es im Übrigen immer noch nicht. Man sagte mir, es wäre vermutlich was entzündliches. Man könnte aber noch nicht sagen, ob Viren oder Bakterien daran schuld sind. Zudem konnte man auch eine Hirnhautenzündung nicht wirklich vom Tisch reden, aber eben auch nicht zu 100 % bestätigen. Mit diesen Aussichten war ich natürlich alles andere als zufriedengestellt worden. Ich konnte mir aber zumindest sicher sein, dass, wenn es eine Hirnhautentzündung war, es zumindest keine ansteckende Form sein konnte – ansonsten hätten die mich doch schon längst in Quarantäne gesteckt, oder?

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197hsre Anmerkungen 197hsli

1 Für die, die den ausführlicheren Absatz übersprungen haben aufgrund von schwachen Nerven oder zu krasser Vorstellungskraft, gibt es hier die Lexikonerklärung aus dem Buch „Medizinische Fachbegriffe“ vom Gräfe und Unzer Verlag:
„Lumbalpunktion
Gewinnung von Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) zu diagnostischen Zwecken, z.B. ber Verdacht auf eine Hirnhautenzündung (S. 106), zur Abklärung von Tumorerkrankungen oder Multipler Sklerose (S. 150). Die Entnahme erfolgt mittels einer Hohlnadel aus dem Rückenmarkskanal im Lendenwirbelsäulenbereich. Die Lumbalpunktion erfolgt meist unter örtlicher Betäubung im Liegen oder Sitzen, nach der Entnahme muss der Patient einige Stunden ruhig liegen, weil ansonsten stärkere Kopfschmerzen auftreten können.“
(Dr. Schenzler & Dr. med. Riker. Medizinische Fachbegriffe. Die 100 häufigsten Erkrankungen. Untersuchungsmethoden und Therapien. München. Gräfe und Unzer Verlag GmbH. 2006. Seite 231.)

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